Einmal Corona und zurück – Wohin steuert die Arbeitswelt nach der Pandemie?

Kennen Sie das Bild von den Grasbüscheln, die durch die leergefegten Straßen einer verlassenen Westernstadt wehen? Genauso leer – aber ohne die Grasbüschel – lagen in vielen Unternehmen in den vergangenen Wochen Büroflure und Produktionshallen da. Auch dort, wo man sich zuvor vehement Themen wie Homeoffice oder flexiblen Arbeitszeiten entgegengestemmt hatte. Gerade in eher konservativ geprägten Branchen, wie dem Agribusiness hat Corona teilweise zu erdrutschartigen Veränderungen der Arbeitswelt geführt.

Unter dem Eindruck eines sich aktuell stabilisierenden Infektionsgeschehens und zunehmenden Lockerungen in Alltag und Arbeitswelt, beginnen nun viele darüber nachzudenken, was am Ende davon übrigbleiben wird. Einmal Corona und zurück oder einmal Corona und alles neu?

Pauschal lässt sich keine Antwort auf diese Frage finden. Vielerorts wird nicht alles wieder genauso wie zuvor werden, aber ebenso wenig wird sich auch überall alles dauerhaft verändern.

Ein genauerer Blick auf einzelne Themen der Arbeitswelt kann sich lohnen, um zum einen zu schauen, was Unternehmen an positiven Erkenntnissen mitnehmen und in die Post-Corona-Zeit integrieren können und welche „Experimente“ man zum anderen als gescheitert einstuft und unter der Kategorie „hat nichts gebracht“ ablegt.

My Home is my Office

Der Schub, den die Digitalisierung in den letzten Wochen in Deutschland genommen hat, wird sich nicht wieder zurückdrehen lassen. Gefühlt über Nacht wurde in vielen Unternehmen die Infrastruktur für die Arbeit im Homeoffice aus dem Boden gestampft – als Infektionsschutz, zur Unterstützung von arbeitenden Eltern, die nur so eine Chance hatten, den Spagat zwischen Beruf und Familien auch bei geschlossenen Schulen und Kitas überhaupt meistern zu können, und um trotz aller Widrigkeiten der Pandemie, weiterhin als Unternehmen aktiv bleiben zu können.

Für manche Fluch, für manche Segen.

Viele Arbeitnehmende nutzten die Chance, um zu zeigen, dass Leistung nicht zwingend mit Präsenz im Büro verknüpft sein muss, sondern auch vom heimischen Schreibtisch aus erbracht werden kann. Sie bewiesen Organisationstalent – gerade, wenn der Job neben Homeschooling und anderen familiären Herausforderungen nicht zu kurz kommen durfte – und Disziplin.

Unternehmen schenkten ihren Mitarbeitenden durch die Schaffung von Homeoffice-Optionen viel Vertrauen. Denn Homeoffice ist, auch wenn mancher vielleicht etwas naiv darauf hoffte, kein Urlaub. Am Ende muss genau wie bei einer Präsenztätigkeit im Büro eine Arbeitsleistung erbracht werden. Es ist, wie so oft im Leben, ein Geben und Nehmen.

Wo man, mit Homeoffice-Angeboten in der Pandemie gute Erfahrungen gemacht hat, ist vielerorts der Boden dafür bereitet, diese Modelle auch nach der Krise aktiver einzusetzen. Das kann positive Effekte für die Arbeitgebermarke haben, denn Unternehmen können dadurch Vertrauen, Flexibilität und Modernität signalisieren.

Allerdings wird die pauschale Einführung von Homeoffice-Beschäftigungen in Unternehmen nur in Ausnahmefällen eine Folge der Pandemie sein. Nicht alle Mitarbeitenden fühlen sich im Homeoffice wohl oder können dort Top-Leistung erbringen. Vielen fehlt der direkte fachliche Austausch mit Kollegen, bei denen man mal eben schnell über den Flur eine Idee besprechen oder eine Frage klären kann. Sie leiden unter diesen Reibungsverlusten oder sind von der Situation schlicht überfordert. Auch diesen Personen muss man als Unternehmen gerecht werden, will man nicht Gefahr laufen, Leistungsträger zu verlieren.

Nicht zu vergessen sind auch die Bedürfnisse der Mitarbeitenden im gewerblichen Bereich, die nicht ins Homeoffice gehen können. Auch sie müssen bei den Plänen zum Ausbau von Homeoffice-Kapazitäten hinreichend berücksichtigt werden. Es gilt z.B. Erreichbarkeiten zu sichern, damit Ansprechpersonen z.B. in der Personalabteilung, nach wie vor bei Bedarf kontaktiert werden können. Insgesamt muss Sorge dafür getragen werden, dass sich gewerblich Tätige nicht wie Mitarbeitende zweiter Klasse fühlen.

Die Pandemie hat in jedem Fall dafür gesorgt, dass das Thema Homeoffice frischen Wind unter die Flügel bekommt.

Besprechungskultur reloaded

Videotools wie Zoom, Teams & Co. sind seit Beginn der Pandemie die Nabelschnur zu Kollegen, Vorgesetzten, Kunden und Lieferanten. Sie haben die Besprechungskultur verändert. Effiziente Meetings bedürfen sowohl im digitalen als auch analogen Kontext einer guten Vorbereitung seitens der Moderatoren, klarer Ziele, Strukturen und Regeln sowie der Disziplin der Teilnehmenden.

Defizite bei diesen Grundvoraussetzungen fallen bei Videomeetings einfach deutlich stärker auf.

Wen die Pandemie hierfür sensibilisiert hat, der kann diese Erkenntnis nutzen, um nach Corona die Besprechungskultur im Unternehmen zu verbessern.

„Ich bin dann mal (nicht mehr) weg …“

Viele Mitarbeitende, die oft und lange mit Auto, Bahn oder Flugzeug auf Dienstreise waren, hat die Pandemie ebenfalls ausgebremst. Kunden- und Lieferantengespräche werden nicht mehr persönlich, sondern via Telefon oder Videocall geführt. Unternehmen, in denen das gut funktioniert hat, werden ihre Politik in Sachen Dienstreisen auf den Prüfstand stellen. Wo ist ein direkter Kontakt erforderlich und wo kann man auch künftig die neuen Instrumente sinnvoll einsetzen?

Aber auch hier kann man keine kategorischen und allgemeingültigen Entscheidungen treffen. Viele, die im Vertrieb oder Einkauf arbeiten, sind gerade durch ihr persönliches Auftreten erfolgreich und können nur brillieren, wenn sie mit Kunden oder Lieferanten direkt am Verhandlungstisch sitzen.

Aufwand und Nutzen müssen individuell abgewogen und Strategien entwickelt werden. Insgesamt ist aber zu erwarten, dass die Zahl der Dienstreisen sich reduzieren wird.

Arbeitszeitgestaltung

Die Pandemie hat den Arbeitsalltag für viele auch in Sachen Arbeitszeit verändert. Dabei ist der Strauß der Möglichkeiten bunt. Von kompletter Flexibilisierung über angepasste Schichtmodelle bis hin zu Business as usual ist alles vertreten.

Gerade wo neue, flexiblere Modelle gut funktioniert haben, kann es für alle Seiten sinnvoll sein, diese auch nach der Pandemie dauerhaft einzuführen und nicht in die alten Abläufe zurückzukehren.

Viele Frauen, die ihre zeitlichen Ressourcen genau einteilen mussten, um beim Jonglieren mit Homeoffice und Familienarbeit die Bälle in der Luft halten zu können, konnten unter Beweis stellen, das Flexibilität nicht mit einer Minderung der Arbeitsleistung verknüpft sein muss. Das betrifft sowohl Verteilung als auch Volumen der Arbeitsstunden. Das gilt natürlich gleichermaßen für Männer.

Manche Menschen sind, bedingt durch ihren Biorhythmus, nicht gleich morgens um acht in Topform, sondern erst um zehn Uhr oder am späten Nachmittag. Wer seine Zeit frei einteilen kann und dabei gute Leistung bringt, kann dies als Argument für eine Veränderung oder Öffnung seiner Arbeitszeiten im nächsten Mitarbeitergespräch ins Feld führen. Vorausgesetzt natürlich immer, das sich dies mit betrieblichen Abläufen und Erfordernissen verbinden lässt. Man sollte den Bogen nicht überspannen, aber wo es passt, können die gewonnenen Erfahrungen nach Corona ein Türöffner für mehr Flexibilität sein.

Führen auf Distanz

Mitarbeitende zu führen, zu motivieren und zu koordinieren war schon vor der Pandemie eine schöne, aber anspruchsvolle Herausforderung. Den Ansprüchen der Mitarbeitenden, des Unternehmens sowie den eigenen auch unter Pandemiebedingungen gerecht zu werden, ist noch anspruchsvoller. Die Grundsituation ist auf allen Seiten verändert. Mitarbeitende müssen trotz Kurzarbeit oder vielleicht bedrängenden Existenzängsten und eigener Verunsicherung weiterhin geführt und motiviert werden, denn das Ergebnis der Arbeit soll unter den geänderten Bedingungen nicht leiden. Das fordert seitens der Führungskräfte Empathie und erhöhtes Engagement.

Jene, die es schaffen in der Pandemie unter erschwerten Bedingungen erfolgreich führen zu können, werden auch in der Zeit danach in der Zusammenarbeit davon profitieren können. Zudem können sie gegenüber ihren Arbeitgebern unter Beweis stellen, das erfolgreiches Führen auf Distanz möglich sein kann und so auch für Führungskräfte z.B. die Tür zu mehr Homeoffice-Optionen oder einer anderweitig flexibleren Ausgestaltung der Führungsarbeit öffnen. Im Ergebnis positiv zu Ende gedacht vielleicht sogar für Modelle wie Führung in Teilzeit oder ähnliches.

New Work

Viele hoffen, dass die Pandemie auch dem Thema „New Work“ einen Schub nach vorne verpassen wird. New Work steht für fundamentale Veränderungen innerhalb der Arbeitswelt, wie etwa das Aufbrechen von Führungs- und Organisationsmodellen. Themen wie Autonomie, Freiheit und Teilhabe aber auch die Sinnhaftigkeit in der Arbeitswelt werden unter dem Eindruck von Megatrends wie Digitalisierung oder Globalisierung betrachtet und hinterfragt.

Die Ideen und vielfältigen Konzepte und Ableitungen von New Work rütteln an Grundfesten der heutigen Arbeitswelt. Sie beinhalten nicht nur strukturelle Veränderungen, sondern insgesamt ein Neu- und Umdenken von Arbeit. Ein Prozess, der Zeit braucht. Daran ändert auch die Pandemie nichts. Sicherlich wird es Unternehmen geben, in denen Corona wie ein Katalysator für New Work wirken wird, aber in der breiten Fläche und in eher konservativen Branchen wie dem Agribusiness wird dies voraussichtlich nicht so sein. Viele Unternehmen werden froh sein, wenn sie diese Zeit als Unternehmen erfolgreich überstehen und sich dann zunächst anderen Themen widmen als einer Neuausrichtung der Organisation mit allen damit verbundenen Chancen und Unwägbarkeiten.

Das gilt auch für viele Mitarbeitende, die sich freuen werden, nach der Pandemie ihre Arbeitswelt wieder in bekannter Weise erleben und in gesicherten Strukturen agieren zu können. Wer hier übereilt und nicht hinreichend reflektiert auf den „New Work“-Zug aufspringt, kann in seiner Belegschaft statt Aufbruchstimmung massive Verunsicherung auslösen, diese überfordern und sich schlechtesten Falls trotz allerbester Vorsätze direkt in die nächste Krise manövrieren.

Nichtsdestotrotz sollten Unternehmen ALLE während der Pandemie gesammelten Erfahrungen, seien sie positiv oder negativ, als Chance betrachten und nutzen, um sich ganz individuell für die Herausforderungen der Zukunft bestmöglich aufzustellen.

Für viele Mitarbeitende bietet die Pandemie die Chance, neue Modelle testen und sich darin beweisen zu können, um dann aktiv an der Weiterentwicklung und Gestaltung ihrer Arbeitswelt mitwirken zu können.

Es bleibt spannend.

Bleiben Sie gesund!

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