Winterzeit bedeutet Stallarbeit

Seitdem das Thermometer die letzten Tage stark in den Keller gesackt ist und wir hier auch schon den ersten Schnee hatten, besteht kein Zweifel mehr daran, dass der Winter nun auch in Irland angekommen ist. Auf Grund des milden Klimas sind richtige Frost- oder Schneetage, wie wir sie aus Deutschland kennen, aber eher die Ausnahme. In der Regel schwanken die Temperaturen im Winter um die 5 Grad mit gelegentlichem Frost in den Nächten. Ähnlich wie in Deutschland war der letzte Winter mit wochenlangem Frost und Schnee ein Drama auf den landwirtschaftlichen Betrieben. Aufgrund des sonst vorherrschenden milden Klimas sind die hiesigen Stallgebäude, Melkanlagen und Maschinen nicht für extreme Witterungsbedingungen konzipiert. Tom hofft, dass sich das Drama vom letzten Jahr nicht noch mal wiederholt. Wir werden sehen…

Unser Tagesablauf sieht arbeitsmäßig derzeit genauso aus wie auf einem typischen deutschen Milchviehbetrieb mit ganzjähriger Stallhaltung. Morgens werden bei einem Stallrundgang alle Tiere visuell gecheckt und geschaut, ob soweit alles in Ordnung ist. Danach werden zunächst die (noch übrigen) Kühe gemolken.

Da wir das Ziel haben, bis Weihnachten alle Kühe trocken zu stellen, werden also Woche für Woche immer weniger Kühe gemolken. Das sorgt für eine erhebliche Arbeitserleichterung und kann problemlos von einer Person bewältigt werden. Es hat sich so eingespielt, dass ich morgens alleine melke und abends meist der Farmarbeiter melkt. Im Gegensatz zu anderen irischen Milchbauern, die zu dieser Zeit auf Grund der geringen Leistung und der Quotenregelung nur noch einmal pro Tag melken, melken wir (bis auf sonntags) noch zweimal täglich.

Nach dem Melken werden täglich die Liegeboxen gereinigt und gekalkt. Da ist man mit 123 Liegeboxen schon mal 1,5 Stunden beschäftigt. In der Zeit füttert Tom meistens mit dem Baggerlader die Silage. Während die Milchkühe, die Färsen und die Kälber die „normale“ Silage aus dem Flachsilo vorgelegt bekommen, werden die trocken gestellten Kühe derzeit mit der rohfaserreichen Silage aus den Rundballen gefüttert. Anschließend erhalten die Färsen und die trockengestellten Kühe als Ergänzung noch Mineralfutter über die Silage.

Dann werden nach Bedarf verschiedene Arbeiten erledigt. So haben wir beispielsweise in den letzten Wochen viele Zäune repariert, Pflöcke ausgetauscht und Weidetore instand gesetzt. Aber auch der jährliche Routinecheck aller Maschinen stand auf der Tagesordnung. Darüber hinaus haben wir kleine Reparaturarbeiten durchgeführt für die während der Weidesaison nie ausreichend Zeit war.

Da wir nun im Stall wieder mehr lahme Kühe haben, wird Tom demnächst auch noch einmal den Klauenpfleger holen müssen. Bezüglich Tiergesundheit und Überwachung des Gesundheitszustandes ist der tägliche Routinecheck von oberster Priorität. Besonders die trocken gestellten Kühe benötigen nun mehr Aufmerksamkeit. Aber auch die Färsen stehen unter besonderer Beobachtung.

Dabei zeigen die Tiere im Stall ein völlig anderes Verhalten als auf der Weide. Die einzelnen Charaktere kommen im Stall viel besser zur Geltung als auf der Weide und die Tiere werden zutraulicher, wodurch eine individuelle Betreuung des Einzeltieres erleichtert wird. Während der Weidesaison sieht man die Tiere nur zweimal täglich beim Treiben zum Melkstand und beim Melken selbst. Besonders beim Treiben der Kühe zum Melkstand sieht man auf dem Quad sitzend nur die hintersten 5 – 10 Kühe die unmittelbar vor einem laufen. Während man im Stall jeden Tag alle Tiere aus der Nähe sieht z.B. beim Reinigen der Liegeboxen und unmittelbar zwischen den Tieren arbeitet.

Wenn ich nun beide Systeme miteinander vergleiche, betrachte ich die Stallhaltung aus einem völlig anderen Blickwinkel. Aus Deutschland kommend und nur ganzjährige Stallhaltung gewohnt, waren die ersten Tage, als die Tiere dann im Stall waren doch sehr befremdlich. Die Tiere wirkten im Stall irgendwie völlig fehlplaziert und waren die ersten Tage auch sichtlich unzufrieden mit der neuen Situation. Auf der Weide können Sie sich frei bewegen oder ablegen, ihre natürlichen Verhaltensmuster ausleben und selbständig ihr Futter finden. Die Tiere wirken gelassener und zufriedener. Des Weiteren beeinflusst die Weide positiv die Gesundheit, Furchtbarkeit und Vitalität der Tiere.

Die wesentlichen Arbeiten während der Weidesaison bestehen im Treiben der Kühe, kontrollieren der Weidezäune und Tränken und Melken. Demgegenüber steht der immense Arbeitsaufwand im Stall gepaart mit den nicht optimalen Haltungsbedingungen im Stallgebäude, welche für den Winter eine Art Kompromisslösung darstellen. Man verbringt mehrere Stunden täglich mit dem Füttern, muss alle Liegeboxen reinigen, die anfallende Gülle nach dem Winter wieder auf die Felder ausbringen, abends das Futter noch mal anschieben und alle Tiere täglich zweimal kontrollieren.

Besonders der Futter- und Güllekreislauf scheint einem aus der „Weidesicht“ dann völlig unlogisch. Zunächst muss man im Frühjahr mit einem gewaltigen Maschinenaufwand das Gras einsilieren und hoffen, dass das Wetter mitspielt und die Silage von guter Qualität sein wird. Im Winter benötigt man dann die entsprechenden Maschinen um die Silage aus dem Flachsilo zu entnehmen und den Tieren im Stall vorzulegen, was einen immensen Arbeitsaufwand bedeutet. Von den anfallenden Energiekosten mal ganz zu schweigen. Nach dem Winter muss man die Gülle dann wieder auf die Weiden ausbringen, was ebenfalls sehr arbeitsaufwendig und maschinenabhängig ist.

Da wird einem erstmal bewusst wie grotesk unser hiesiges System eigentlich ist und wie teuer wir in Deutschland die Milch produzieren (müssen). Natürlich können wir in Deutschland auf Grund der klimatischen Bedingungen die Milchkühe nicht im Vollweidesystem halten und sind daher in den meisten Regionen gezwungen die Milch im Stall zu produzieren. Man muss eben bei beiden Systemen die Ausgangslage und Produktionsbedingungen betrachten wodurch sich zwei völlig verschiedene Lösungen ergeben Milch unter den gegebenen Umständen zu produzieren.

Für mich steht fest, dass ich die Weidehaltung eindeutig der Stallhaltung vorziehe. Die Arbeit draußen in der Natur, die zufriedenen Kühe auf der Wiese, und der geringerer Arbeitsaufwand haben mich überzeugt. Die vielen Bilder von „unseren“ glücklichen Kühen auf der Weide (fressend, in der Sonne liegend, oder über den Paddock tobend) werde ich wohl nie vergessen und bin froh all die vielen Eindrücke und Erfahrungen in Irland gesammelt zu haben.