Positives Resümee meines Auslandspraktikums in Kanada

Kanada ist für viele das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und unendlicher Weite. Wie wahr diese Aussage tatsächlich ist, habe ich in den letzten 4 Monaten erfahren dürfen.

Als zweitgrößtes Land der Welt mit einer Fläche von etwa 9.900.000 km² ist Kanada fast so groß wie ganz Europa und nimmt rund 40% des nordamerikanischen Halbkontinents ein. Die größte Nord- Süd Ausdehnung beträgt ca. 4600 km (zum Vergleich: Deutschland 886 km), die größte Ost- West Entfernung ist mit 5514km fast neun Mal so groß wie die von Deutschland (636 km).

Zu den 33 Millionen Einwohnern gehören fast 1.200.000 Menschen der indigenen Gruppe an, dazu zählen unter anderem etwa 700.000 Indianer und der Rest teilt sich auf andere Ureinwohner- Gruppen auf (Inuits und Métis). Vor allem von der Lebensweise der Indianer habe ich viel erfahren können, da mein Betrieb sich etwa 15 Minuten von einem Reservoir befindet. Die meisten Indianer bzw. Ureinwohner sind etwas kleiner und jünger als die restliche Bevölkerung (da nur die Fortpflanzung untereinander erlaubt ist) und unterhalten sich in insgesamt 50 verschiedenen Sprachen.

Dass man ein Gebiet der Indianer durchfährt, lässt sich zum Einen an den winzigen Häusern erkennen, zum Anderen daran, dass die Feldarbeiten und die Fortbewegung größtenteils mit der Kraft von Pferden durchgeführt wird. Auch steuerrechtlich unterscheiden sich die Ureinwohner von den im Laufe der Jahrhunderte zugezogenen Menschen: Grundsätzlich sind die Indigos komplett steuerfrei, beim Einkaufen im Supermarkt zeigen sie beim Bezahlen dann zum Beispiel einen „Ausweis“ vor, der ihre Identität als Ureinwohner nachweist. Bezahlt werden muss dann nur der Etiketten- Preis, die restliche Bevölkerung muss zusätzlich noch Steuern zahlen. Vor allem an diesen Punkt konnte ich mich schlecht gewöhnen, da man bis zur Kasse nie den tatsächlichen Preis vor Augen hatte.

Ja, und wenn dann die Rede von den unbegrenzten Möglichkeiten ist, würde ich spätestens jetzt auch dieser Aussage vollkommen zustimmen. Vor allem durch die besondere Mentalität, große Offenheit und sehr viel Freundlichkeit stehen einem auch als „Ausländer“ immer alle Türen und Wege offen. So konnte ich meinen Wunsch verwirklichen, möglichst viele Schauen, sowohl im kleinen als auch im großen nationalen bzw. internationalen Rahmen zu sehen und auch daran mitzuwirken. Außerdem haben mein Gastvater und ich uns an arbeitsschwächeren Tagen ins Auto gesetzt und einige Betriebe in der Region besichtigt. Auch zu denkbar ungünstigsten Zeiten wurden wir immer herzlich empfangen und haben eine Führung über den Hof bzw. durch den Stall bekommen.

Speziell im Bereich der Landwirtschaft blicke ich nun durch mein Auslandspraktikum auf viele unvergessliche Erfahrungen zurück und habe teilweise neue oder veränderte Sichtweisen erhalten.
Bei der Landtechnik- Ausstellung habe ich direkt in den ersten Wochen feststellen können, dass Deutschland auch auf der weltweiten Bühne mit seinen Techniken rund um den Agrarbereich vertreten ist. Dass ein gewisser globaler Markt vorhanden ist, war mir im weitesten Sinne zwar vorher schon bekannt, aber diese Dominanz hatte ich mir nicht vorstellen können! Deutschland und auch grundsätzlich Europa sind bei vielen Kanadiern durch ihre großen Innovationen und intelligenten Entwickler bekannt und haben dadurch ein gutes Ansehen. Erstaunlich war außerdem das enorme Wissen über unser Land, Städte, Sehenswürdigkeiten und die Mentalität. Immer wieder wurde ich gefragt, ob dieses oder jenes tatsächlich wahr sei und ein Urlaub in Deutschlands Alt- Städten steht bei vielen sehr weit oben auf der Wunschliste.

Des Weiteren habe ich gemerkt, dass es nicht immer „das neueste vom Neuesten“ sein muss: Viele, vor allem züchterisch erfolgreiche Betriebe, halten ihre Kühe noch in Anbindeställen. Auch wenn grundsätzlich nicht alles an dieser alten Haltungsform schlecht ist, allein die körperliche Anstrengung und Belastung wäre für mich schon ein guter Grund, sich nach Neuerem umzusehen. Schon nach einigen Tagen wurde das ständige auf und ab deutlich in meinen Knochen spürbar. Und da in der Hocke gemolken wird und ein Knie dann zur Abstützung auf dem harten Boden aufliegt, hatte ich nach wenigen Wochen mein Knie schon wund und rau.
Vorteilhaft war beim Melken die automatische Abnahme; das für dieses System sehr anfällige Blindmelken konnte dadurch größtenteils verhindert werden. Obwohl schon einige Boxenlauf- Ställe gebaut wurden, hat die Zucht eine etwas höhere Priorität: In der alten Aufstallungsform kann die Kuh von allen Seiten betrachtet werden. Die wichtigen Abstammungs- und Leistungs- Daten jedes Tieres können mit einer Karte direkt über dem Platz angebracht und damit für jeden sichtbar gemacht werden. Für die Show- Größen (im wahrsten Sinne des Wortes, die Kühe erreichen sogar vereinzelt die 1,70m- Marke!) gibt es dann meist noch eine große Einzelbox mit Sägemehl- oder Stroheinstreu.

Es ist wohl kaum möglich,all das erlebte in einen kurzen Text zu fassen.
Meinen jahrelangen Traum zu erfüllen, hat für viel Aufregung und Nervosität in den Wochen und Monaten vor der Abreise gesorgt. Ich kannte zwar den Namen meines Betriebes und der Kontakt war schon frühzeitig hergestellt, jedoch stellte sich mir immer wieder die Frage, ob das gemeinsame Familienleben klappt, die Arbeit harmonisch wird und nicht zuletzt ob die schulischen Englisch- Kenntnisse auf dem fremden Kontinent ausreichen.

Im Nachhinein hat sich alles für mich bestmöglich entwickelt. Meine Gastfamilie und der Betrieb haben sich als 100%- iger Glückstreffer erwiesen. Ich wurde herzlich in die Familie integriert und hatte auch auf der Farm tägliche Aufgaben, die ich selbstständig übernommen habe. Auch die Erwartung, meine Englisch- Kenntnisse zu vertiefen, wurde nicht zuletzt dank meiner freundlichen Gasteltern bestens umgesetzt. Durch die guten fachlichen Kenntnisse meines Gastvaters Louie konnte ich viel im Bereich Zucht/ Exterieur lernen, umsetzen und festigen. Und dadurch, dass die beiden Söhne Mike und Steve ständig für andere Betriebe die Kühe scheren und fit für die Shows machen, haben sie mir auch in dieser Hinsicht viel beibringen können. In der letzten Woche vor meinem Abflug habe ich mich dann also noch an die Haare einiger Kühe herangewagt. Mike und Steve haben mich damit ziemlich ins kalte Wasser geworfen. Nach Fertigstellung einer Topline hat einer der Beiden mir dann noch Tipps gegeben und Verbesserungsmöglichkeiten vorgeschlagen und veranschaulicht. Danach ging es dann sofort mit der nächsten Kuh weiter. Übung macht eben den Meister!!

Da mein Gesellenjahr erst im Juli endet, werde ich demnächst meinen Auslandstraum weiterleben: Am 23. Januar beginnt meine Reise nach Neuseeland zu einem großen Milchviehbetrieb. Meine Erwartungen daran sind kaum mit denen von Kanada zu vergleichen. Ich möchte dort zwar auch eine andere Mentalität und neue Menschen kennenlernen, aber vor allem interessiert mich das Low- cost- System Neuseelands und die Lebensweise am anderen Ende der Welt. Ich freue mich auf die kommenden Monate und werde Ihnen von meinen Erlebnissen dort wieder in einem neuen Auslandstagebuch berichten.

Am Ende möchte ich mich noch herzlich bei Ihnen, den Lesern meines Auslandstagebuchs, bedanken und hoffe, dass ich Ihnen Kanada durch meine eigenen Erfahrungen und gewonnenen Sichtweisen etwas näher bringen konnte.