Klauenpflege – nur die akut lahmenden Kühe haben einen Termin

Da mir letzte Woche beim Treiben der Kühe zum Melkstand ein paar lahme Kühe aufgefallen sind, bestellte Tom den Klauenpfleger für Mittwoch. Weil die Herde derzeit auf den weit entfernten Paddocks grast, haben wir die lahmen Kühe nach dem Melken auf den nah gelegenen Paddock 1 separiert, damit sie nicht den langen Weg mit der Herde zurücklaufen müssen. Des Weiteren können wir sie in Paddock 1 besser beobachten und sehen wenn sich der Gesundheitszustand verschlechtert.

Bei den fünf lahmen Kühen waren deutliche Abweichungen im Gangbild zu erkennen, da sie versuchten die schmerzende Klaue zu entlasten. Alle Kühe lahmten auf den hinteren Gliedmaßen. Da es hier nun jeden Tag regnet und somit die Wege, Paddocks aber auch die Klauen selber aufweichen, können sich die Kühe leichter Steine vom Treibweg eintreten. Aber auch infektiöse Klauenkrankheiten wie Mortellaro oder Klauenfäule können zu dieser Zeit im Jahr auf Grund der feuchten Umweltbedingungen vermehrt auftreten. Generell sind Klauenkrankheiten aber in Irland kaum ein Thema, da die Kühe fast ganzjährig draußen auf den Weiden gehalten werden und dies als Weichbodengänger ihrem natürlichen Lebensraum entspricht.

Als der Klauenpfleger dann Mittwochnachmittag mit seinem mobilen Klauenpflegestand bei uns eintraf, haben wir zunächst die lahmen Kühe in den Wartebereich vor dem Melkhaus getrieben. Anschließend platzierten wir den Klauenpflegestand im Rücktreibweg nach dem Melken. Auf den ersten Blick machte dieser für mich kein sehr gutes Bild, weil er irgendwie nicht sehr stabil aussah und wohl auch schon einige Jahre auf dem Buckel hat. Als wir dann die erste Kuh reingetrieben haben, erfüllte er aber wohl seinen Dienst und schneller als ich gucken konnte war die erste Kuh auch schon wieder raus.

Wie ich später erfuhr, schneidet der Klauenpfleger seit über 20 Jahren Rinderklauen und hat schon so einiges gesehen. Dementsprechend viel Erfahrung bringt er mit sich und sieht auf einen Blick, wo „der Schuh drückt“. So fand er bei allen Kühen sofort die betroffenen Stellen wo sich ein Stein eingetreten hat oder ein schlimmer Abszess das Klauenhorn durchzog.

Allerdings schneidet er zu dieser Zeit im Jahr nur die akuten lahmen Kühe und bei diesen auch wirklich nur die jeweils betroffene Klaue. Seiner Meinung nach macht es keinen Sinn nun einen Routine-Pflege-Schnitt durchzuführen, da die meisten Kühe auf Grund der Weidehaltung derzeit keine Klauenprobleme haben und sich das Klauenhorn von alleine abnutzt. Dies würde sich mit dem Aufstallen dramatisch ändern. Dann würden all die typischen Stall-Klauenkrankheiten wieder vermehrt auftreten und einen funktionalen Klauenpflegeschnitt notwendig machen. Somit konzentriert er sich nun bei unseren fünf lahmen Kühen ausschließlich auf die betroffene erkrankte Klaue.
Bei der ersten Kuh war es wohl wirklich nur ein Stein, der sich tief ins Klauenhorn eingetreten hat. Die zweite Kuh hatte einen eitrigen Abszess in der Klaue, welcher sich ausgehend von der Klauensohle zum Kronrand seinen Weg suchte und dort nach Öffnen der Druckstelle abfließen konnte. Anschließend wurden die betroffenen Stellen mit Desinfektionsspray behandelt und an der gesunden Nachbarklaue wurde ein Klotz zur Entlastung angebracht. Anders, als ich das bisher in Deutschland kannte, wurde der Klotz nicht geklebt, sondern wie ein Hufeisen beim Pferd an die Klaue beschlagen. Logisch, denn ein geklebter Klotz würde in diesem Weidesystem mit den langen, schotterigen Treibwegen wahrscheinlich nicht lange an der Klaue haften.

Kuh Nummer drei hatte ebenfalls einen eitrigen Abszess. Dieser war jedoch nicht ganz so schlimm und noch nicht zum Kronrand hochgezogen. Nach einem Korrekturschnitt mit tiefer Kehlung der Klaue wurde der Ursprung allen Übels sichtbar und durch einen gezielten Schnitt geöffnet. Bei dieser Kuh wurde ebenfalls ein Klotz an der gesunden Nachbarklaue angebracht.

Die vierte Kuh machte uns dann etwas das Leben schwer. Zunächst wollte sie gar nicht in den Klauenpflegestand und wir brauchten 10 Minuten um sie da irgendwie hineinzubewegen. Nach kurzer Zeit fing sie dann an sich vehement gegen die Klauenbehandlung zu wehren. Als sie sich dann wieder beruhigt hatte und der Klauenpfleger weiter arbeiten konnte war es zunächst nicht so einfach, die betroffene Stelle in der Klaue zu finden. Diese Kuh hatte mehrere Läsionen im Klauenhorn. Am Klauenwandhorn und im Bereich der weißen Linie konnte man viele kleine Quetschungen erkennen. Beim Schnitt wurde dann vorsichtig Schicht für Schicht abgetragen, so dass die Quetschungen und Bluteinlagerungen in der Sohle nach und nach entfernt wurden. Anschließend wurde die Klaue desinfiziert und ebenfalls per Klotz an der Nachbarklaue entlastet.

Die Klaue der letzten Kuh zeigte hingegen ein ganz anderes Bild. Gammelige, faule Stellen im Zwischenklauenspalt und besonders im Ballenbereich waren sofort sichtbar und ließen uns die Nasen rümpfen. Der Klauenpfleger meinte, dass das Mortellaro sein könnte und besprühte die Klaue nach dem Korrekturschnitt mit einem Hufspray.

Alle Kühe zeigten schon kurz nach der Behandlung ein deutlich besseres Gangbild und so ließen wir sie nach der Abendmelkung wieder mit der Herde laufen. Während sich diese fünf Kühe also schnell von ihrer Lahmheit erholten, habe ich vorgestern leider zwei neue lahme Kühe in der Herde entdeckt. Der Klauenpfleger wird uns wohl in den nächsten Tagen noch mal einen Besuch abstatten müssen.