Auf Besamungslehrgang und Besuch vom Klassifizierer

Dieser Bericht sollte eigentlich mit der Besichtigung der Niagara Fälle beginnen. Der Wettergott hat mir und meinen Gasteltern jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Bei Regen, Wind und gewöhnungsbedürftiger Kälte (Anfang der Woche waren es noch 23°C, zum Wochenende dann nur noch 10°C) verbrachten wir unseren Sonntag lieber mit gemütlichem Brunchen und einem Einkaufsbummel.

Am Montag und Dienstag habe ich an einem Besamungskurs teilgenommen. Der Kurs fand in Kitchener (230.000 Einwohner) im Gebäude des „Farmers Market“ statt. Hier werden wöchentlich die Vieh-Auktionen durchgeführt. Zum größten Teil werden Holstein-Kühe und Mastrassen versteigert. Zusätzlich stehen dann noch Bullenkälber (auch von unserer Farm), Pferde, Schafe und Ziegen zum Verkauf.

Da die Fahrt etwa eine Stunde dauert und mein Chef mich ungern alleine fahren lassen wollte, nahm Nick kurzfristig auch teil. Um 9:30 Uhr ging es mit dem theoretischen Unterricht los. Hier wurde uns der Fortpflanzungstrakt einer Kuh beschrieben. Am genauesten wurde der Cervix (Gebärmutterhals) erklärt, da der Besamungsstab in diesen und durch die drei Ringe geführt werden muss. Neben kurzen Erklärungen zum Uterus war dann auch die Rede von „Blind Pouch“. Ich konnte mir zuerst nicht so recht vorstellen, was damit gemeint war.

Nachdem wir mittags die Bücher geschlossen hatten, gingen wir in den Stall. Aufgrund der Auktionen sind immer genug „Übungsobjekte“ vorhanden. Wir begannen damit, uns zuerst einmal im Inneren der Kuh zurecht zu finden. Das war ungewohnt für mich und garnicht so einfach, wie ich dachte. Während die anderen Teilnehmer schon mit dem Einführen eines Stabes begannen und schon erste Erfolge verzeichnen konnten, hatte ich noch so meine Probleme mit dem Halten des Cervix. Nach einem mehr oder weniger erfolgreichen Tag endete der Kurs um 15 Uhr.

Am nächsten Morgen ging ich dann wieder etwas motivierter zum Unterricht. Wir lernten, wie die Samen dem Behälter entnommen, aufgewärmt und in den Besamungsstab eingeführt werden müssen. Was in der Theorie sehr einfach war, brachte mich in der Praxis fast zum Verzweifeln. Nach stundenlangen Versuchen wusste ich nur zu gut, was mit diesen „Blind Pouch“ gemeint ist. Das sind „Taschen“ neben dem Gebärmutterhals, in denen ich immer landete, wenn ich versuchte, den Eingang des Cervix zu treffen.

Als mir Adam, der Kursleiter, zum schätzungsweise 10. Mal sagte, ich solle nicht aufgeben und ich schon zu dem Entschluss kam, dass ich wohl nicht dazu geboren bin, Kühe zu besamen, bekam ich auf einmal ein riiiiesen Grinsen ins Gesicht 🙂 Juhu, es klappt also doch. Die kurze Überprüfung von Adam bestätigte, dass ich sogar die richtige Stelle gefunden hatte (worauf ein kleiner Freudentanz folgte). Danach funktionierte es super, ich fand mich zurecht, konnte den Cervix halten, den Besamungsstab einführen und besamte einige Kühe mit „Fake- Spermien“. Alle Teilnehmer bestanden den Kurs, jeder bekam einen Besamungsstab geschenkt (im Wert von ca. 40$) und die Zertifikate werden in den nächsten Tagen zugeschickt.

Nach der Stallarbeit am Dienstagabend ging es in den Endspurt der Vorbereitungen für die Klassifizierung der Kühe am Mittwoch. Die Kühe werden auf diesem Betrieb vierteljährlich bewertet. In der Regel kommt der Klassifizierer nur zweimal im Jahr. Falls eine Kuh jedoch bei dem Frühjahrstermin nicht fit ist, gerade abgekalbt hat oder kurz vor dem Trockenstellen steht, müsste sie normalerweise ein halbes Jahr warten. Und dann ist immer noch nicht sicher, wie die Kuh sechs Monate später aussieht. Louie erklärte mir, dass er für die zusätzlichen Beurteilungen zwar mehr bezahlen müsse, dann habe er jedoch immer die Option, das Tier beim nächsten Mal bewerten zu lassen.

Mike und ich begannen also um 21 Uhr mit dem Scheren der verbliebenen Euter. Gegen 22:30 Uhr kamen auch Gord und Louie in den Stall um die Kühe zum letzten Mal zu melken. Als die halbe Nacht vorüber war, streikte meine Schermaschine. Ich konnte also ohne schlechtes Gewissen ins Bett gehen:-). Am Morgen bettete ich die Liegebereiche mit extra vielen Sägespänen, fegte noch einmal den Boden, putze mit Mike und Gord die restlichen Kühe und wartete nach dem Mittagessen auf den Klassifizierer.

Er, oder besser gesagt sie, kam dann pünktlich um 13 Uhr und begann mit dem bewerten. 
Hier ist eine kurze Beschreibung des Bewertungssystems, welches mittlerweile fast genauso wie in Deutschland ist:

Körper –> 2011= 10% (1990= 10%)
Milchtyp –> 2011= 22% (1990= 38%)
Fundament –> 2011= 26% (1990= 12%)
Euter –> 2011= 42% (1990= 40%)

Das Resultat nach 2,5 Stunden war „in Ordnung“ für meinen Chef. Flower ist jetzt EX 90 in der 3. Laktation (1. Lakt: 84 GP, 2. Lakt: 88 VG), zwei neue VG 85 Färsen, 17 GP Färsen (davon 2 x 84 und 3 x 83), viele Verbesserungen um einen Punkt, sowie von 81 zu 85 Punkten und von 88 zu 89 Punkten (eine phänomenale Kuh mit einem 94-Punkte-Euter und nur 80 Punkten in den Fundamenten).

Acht Rinder wurden als gut (G, zwischen 73 und 79 Punkten) bewertet und zogen somit den Durchschnitt in den Keller: 81,8 Punkte, vor 3 Monaten lag der er bei 82,5 Punkten.

Und zu guter letzt: Stella Roy ist jetzt EX- 2E. Sie wurde übrigens gestern Abend und heute Morgen besamt. Nächste Woche, am 26.10., wird sie gespült. Ich hoffe, dass sie super viele Embryonen hat, da einige davon dann nach Deutschland in meine Heimat exportiert werden 🙂