Gletscher, Sightseeing und gemeinsames Musizieren

An den darauf folgenden Tagen schauten wir uns zwei der vier Gletscher Neuseelands an, den Franz-Josef-Gletscher und den Fox-Gletscher. Für den 11 km langen Franz-Josef-Gletscher buchten wir eine Tour auf dem Eis. Ein Helikopter setzte uns auf dem Gletscher ab. Mit wasserfester Kleidung und rutschfestem Schuhwerk ausgestattet ging es durch enge Höhlen, schmale Durchgänge und teilweise mit Unterstützung von Seilen die Wände hoch oder runter. Manchmal konnte einem schon ein wenig mulmig zumute werden, wenn der Spalt nur so viel Platz bot, dass nur ein Fuß vor den anderen gesetzt werden konnte und sich beidseitig die Eiswände bis zu 4 Meter hoch neben einem auftaten.
Bei dem Fox-Gletscher sind wir nur auf einem kurzen Wanderweg bis zum Anfang des Gletschers gelaufen und haben ihn von unten betrachtet.

Dann folgten ein paar Tage ohne viele Ereignisse, sowohl um nach den ganzen Erlebnissen der letzten Woche durchzuatmen, als auch um etwas Geld zu sparen. In Wanaka, einem der schönsten Orte auf meiner Reise, sind wir 3 Tage geblieben. In dem Hostel haben wir einige Reisende kennengelernt, die genau wie wir den Ort einfach nicht verlassen wollten. Am Ende waren wir schon wie eine kleine Familie mit bunt gemixtem Alter von 19- 32 Jahren.

Nach den ruhigen Tagen haben wir uns für eine Schifffahrt mit Übernachtung im Milford Sound, dem bekanntesten Fjord im Fjordland- Nationalpark, angemeldet. In Te Anau wurden wir mittags von einem Bus abgeholt, und mit einer kleinen Sightseeingtour inklusive fuhr uns der Busfahrer sicher über die viel zu engen Straßen der Berge. Dort oben in den Bergen lag auch schon der erste Schnee, was uns eine Fahrt mit dem eigenen Auto bestimmt sehr unangenehm gemacht hätte. Da wir vorher schon auf die schlechten Straßenverhältnisse hingewiesen wurden, haben wir umgerechnet ca. 50 € zusätzlich bezahlt, um in dem letzten Ort vor dem Fjord abgeholt zu werden.

Vom Hafen aus sind wir dann etwa 1,5 Stunden bis zum Meer hinausgefahren um dort den Sonnenuntergang zu sehen, der sich an dem Tag aber leider nicht von seiner schönsten Seite zeigen wollte. Um 19 Uhr wurde dann das Buffet eröffnet. Und da gab es echt alles, was das Herz begehrt. Zum ersten Mal seitdem ich in Neuseeland angekommen war, schien das Preis-Leistungs-Verhältnis zu stimmen. Alle anderen Agenturen hatten meiner Meinung nach extrem überteuerte Attraktionen, da Touristen ja doch (fast) alles bezahlen, um den Urlaub so einmalig wie möglich zu machen. Nach dem Essen gab es eine kleine, einstündige Show von dem Kapitän, und anschließend zog es alle Gäste nach draußen, da sich so langsam einige Tiere vor dem Schiff ansammelten. Kleine Haie und Delfine sowie viele Robben tummelten sich im Wasser. Zwei Robben kamen sogar bis aufs Schiff, drehten eine Runde und ließen sich dann gelangweilt zurück ins Wasser fallen.

Und dann, ja dann passierte genau das, was ich in meinen letzten Monaten hier in Neuseeland kennen und lieben gelernt habe, diese unglaubliche Mentalität, die mich immer wieder überrascht und fasziniert: Einer der Passagiere setzte sich ans Klavier, unser Busfahrer schnappte sich die Gitarre und es wurde losgesungen. Selbst ich habe mitgesungen. In Deutschland würde ich mit Sicherheit nicht in so kleiner Runde einfach losträllern, aber hier scheint es so einfach und total normal zu sein… hier kümmert es keinen, dass es sich eher schlecht als recht anhört, es wird so akzeptiert wie es ist.

Genau das habe ich etwa 2 Monate vorher auch schon erlebt: Damals, als ich mit 2 Freunden zu dem Mueller Hut am Mt Cook gewandert bin, kamen wir irgendwann an der Hütte an und wurden von dem Hüttenwart Tom begrüßt. Mit 5 anderen Wanderern saßen wir bis zum Sonnenuntergang vor dem Häuschen. Als es dunkel wurde, verlagerten wir unsere Runde nach innen. Im Laufe des Abends holte Tom seine Gitarre raus und fing an zu spielen. Da auch 2 andere, aus Deutschland kommend, spielen konnten, wurde die Gitarre immer rund gereicht. Einer der beiden hatte sogar selbst schon viele Songs geschrieben, sowohl die Melodie als auch den Gesang, und so lauschten wir bis Mitternacht den Klängen der Musik. Das schönste Fazit, was man nach so einem Abend ziehen kann, kam sehr einstimmig von dem neuseeländischen Hüttenwart, zwei israelischen Urlaubern, einem Schweizer und einer Schwedin: Sie hätten es bisher nie für möglich gehalten, aber auch deutsche Musik kann verzaubern!

Am nächsten Morgen ging es mit dem Frühsport weiter, entweder eine Fahrt mit dem Kanu oder mit dem Schnellboot, wobei ich mich für das Selberrudern entschieden habe. Danach noch schnell vom Schiff aus ins 11,5 Grad warme Wasser gehüpft (was außer mir nur zwei andere gemacht haben J) und dann war die Tour schon wieder vorbei!

Anschließend ging es zurück zum Hostel und einen Ort weiter. Dort habe ich dann noch 3 Tage verbracht, bevor es nach 15 Tagen Urlaub wieder zurück zum Betrieb ging und die stressige Zeit vor dem Trockenstellen, dem Auszug und meiner Abreise begann.

Nach all meinen Erlebnissen außerhalb des Farmlebens habe ich nicht nur etwas für die schönen Erinnerungen gesehen, sondern auch etwas fürs Leben gelernt. Vor allem die unterschiedlichsten Charaktere, die ich in meiner ganzen Zeit immer wieder kennenlernen durfte, zeigten mir, wie wichtig es ist, neue Menschen immer ohne Vorurteile oder vorschnelle Schlüsse entgegen zu treten. Ich habe so viele unterschiedliche Nationalitäten kennengelernt, die so unendlich verschiedene Ansichten hatten: Leute, die wie ich, alleine oder mit Freunden, in ein total fremdes Land gereist sind, um nicht nur die tollen Landschaften zu sehen, sondern auch an den Erfahrungen zu reifen und damit die eigene Persönlichkeit zu entwickeln.

So habe ich auch viele Abende in den Jugendherbergen mit Menschen verbracht, an denen ich in Deutschland aufgrund ihres Aussehens oder Auftretens einfach vorbei laufen würde. Nicht aus dem Grund, nichts mit ihnen zu tun haben zu wollen, sondern weil man meint, dass diese Menschen sowieso nicht dieselben Interessen haben und ein Gespräch nicht interessant wäre. Das für mich beste Beispiel: Als ich mit meiner deutschen Freundin unterwegs war, haben wir (wie in Neuseeland üblich) jemanden per Anhalter mitgenommen. Zuerst waren wir uns nicht ganz sicher, weil dieser junge Mann ein Kopftuch trug, lange Haare hatte, und seine Kleidung eher eine merkwürdige Persönlichkeit vermuten ließ. Jemanden, mit dem wir beide noch nichts zu tun hatten. Mit ihm haben wir dann den ganzen Tag verbracht, und zu unserer Überraschung war er zuhause in Deutschland ein leidenschaftlicher Turniertänzer, der viel über das Leben nachdenkt. Nach stundenlangen Gesprächen über „seinen eigenen Weg gehen“ und „die Zukunft vor Augen haben“, über Glauben und Religion sind wir drei mit einer teilweise komplett veränderten Sichtweise und anderen Blickwinkeln ins Bett gegangen.