Unvergessliche Erfahrungen aus 1 Jahr Auslandspraktikum

Mittlerweile bin ich schon einige Wochen wieder in Deutschland und mein Gesellenjahr ist beendet. Genau vor einem Jahr hatte ich die Abschlussprüfung meiner Ausbildung und habe mich danach auf den Weg gemacht, mehr von der Welt und der dort landestypischen Landwirtschaft zu entdecken.

Nachdem ich in Kanada mein Hobby, die Rinderzucht, voll ausleben und weiterentwickeln konnte, habe ich mich nach dem Jahreswechsel einer völlig neuen, anderen und fremden Art der Kuhhaltung gewidmet. Schon vor meiner Reise war mir klar, dass der Unterschied zwischen dem riesigen Land Nordamerikas und der kleinen Insel Neuseeland gewaltig ist. Dadurch sind diese Länder, oder vielmehr die Betriebe, kaum miteinander vergleichbar:

Von der Kuhhaltung im Anbindestall wechselte ich zur ganzjährigen Weidehaltung.
Die Anzahl der Kühe hat sich fast verzwanzigfacht- von vorher gemolkenen 110 Kühen waren es in Neuseeland schon 2000 Kühe. Logischerweise konnte dann auch das Melksystem nicht mithalten: Vom vorherigen Melken mit 8 Maschinen wurde mir in 2 riesigen Außenmelkerkarussells ein komplett gegenteiliges Melken ermöglicht. Es ging also von einem kleinen Familienbetrieb zu einem Unternehmen mit 12 Mitarbeitern.

Als ich dann Ende Januar auf dem Betrieb „Craigellachie Dairy Farms“ in Ashburton, ca. eine Stunde südlich von Christchurch, ankam, war ich von den Dimensionen überwältigt. Obwohl der Inselstaat mit einer Größe von 270.000 km² im Vergleich zu anderen Ländern der Welt nicht zu den kleinsten Staaten gehört (75% der Fläche Deutschlands), leben in Neuseeland nur 4,4 Millionen Menschen. Deutschland hat damit fast zwanzigmal so viele Einwohner!

Erstaunlich ist, und dies ist im Trend der letzten Jahre immer deutlicher geworden: Die Milchwirtschaft boomt. Mit ca. 4,8 Millionen Milchkühen gibt es schon mehr Kühe als Einwohner. Die Anzahl der Schafe, die einem beim Gedanken an Neuseeland wohl als erstes in den Kopf kommen, ist in den letzten Jahren stark rückläufig. Innerhalb von 30 Jahren sank die Zahl der Schafe um fast 40 Millionen, von anfänglichen 70 Millionen grasen heutzutage nur noch etwa 33 Millionen auf den Weiden Neuseelands. Das Wachstum in der Milchviehhaltung lässt sich wohl vor allem durch die hohen Weltmarktpreise und guten Absatzmöglichkeiten im Ausland erklären. Für die hauptsächlich nach den Inhaltsstoffen bezahlte Milch gab es für die Landwirte der Insel in den letzten Jahren immer höhere Auszahlungspreise. Zwar hört sich ein Preis von 35 bis 39 Cent pro Liter Milch nicht utopisch an, jedoch lässt sich diese Zahl durch die geringeren Produktionskosten (ca. 17 Cent) völlig anders werten als in Europa. Denn zugefüttert wird nur in den Wintermonaten, weswegen auch keine großen Silagevorräte angelegt werden müssen. Bei ganzjähriger Weidehaltung fallen des Weiteren keine Kosten für einen Stall an. Kaum vorhandene Technik an den Karussells bietet zusätzliche Kosteneinsparung. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass nach 2 gescheiterten Besamungsversuchen nur noch eine Runde beim Deckbullen ansteht und dann, bei ausbleibender Trächtigkeit, mit dem Tier abgeschlossen wird. Ab Januar werden diese Kühe dann, bis spätestens zum Ende der Saison, verkauft.

Der Aufschwung der Milchviehhaltung in Neuseeland lässt sich auch an der Steigerung der Milchleistung erkennen. Durchschnittlich wurden im letzten Jahr fast 4000 Liter Milch pro Kuh ermolken. Als mein Chef mir zum ersten Mal diese Zahl nannte, kam es mir schier unglaublich vor. 4000 Liter? Über 6000 Liter weniger Milch als daheim? Nach und nach wurde mir dann allerdings klar, dass dieser salopp gesagte Satz „kommt oben nichts rein, kommt unten auch nichts raus!“ nicht von ungefähr ist. In Neuseeland wird mit minimalem Einsatz maximaler Erfolg erzielt.

Diese so grundlegend andere Milcherzeugung kannte ich bis vor einem halben Jahr nicht. Zwar war ich vor einigen Jahren für ein paar Tage in Irland und hatte bei Betriebsbesichtigungen schon einiges von der Weidehaltung und den geringen Produktionskosten erfahren können, jedoch sind diese auch nur geringfügig mit der Kuhhaltung und Milchproduktion am anderen Ende der Welt vergleichbar.

Allerdings war ich nicht nur von den ganzen Fakten über das Land der Kiwis (so werden die Einwohner Neuseelands genannt) beeindruckt, sondern auch von den Dimensionen auf meinem Betrieb. Erstaunlich war, dass der Ansporn bei der Arbeit in den ersten Monaten immer darin lag, besser und schneller zu werden. Denn fast ausschließlich mit Schnelligkeit und Funktionalität hatte man die Möglichkeit, die anstrengenden Schichten zu übernehmen und zum Beispiel die Verantwortung beim Melken mit neuen Praktikanten oder Minijobbern übertragen zu bekommen.

Begeistert war ich hierbei von meinem Chef, der immer Rücksprache mit uns hielt, um sicher zu gehen, ob wir uns selbst vertrauen und uns die Arbeit mit neuen und oft unerfahrenen Leuten zutrauen würden. Auch auf persönliche Überlastung nahm er bei der Arbeitseinteilung Rücksicht. Mir war es zum Beispiel nicht oder nur kaum möglich, nach mehrstündigem Unkrautspritzen mit der Rückenspritze die Melkschicht „Cups on“ am Nachmittag zu übernehmen. Durch den Druck der Gurte auf Schultern und Rücken waren diese schon so vorbelastet, dass mir gegen Ende einer Schicht das Halten des Melktempos aufgrund der Muskelschmerzen nahezu unmöglich war.

Auch das Arbeiten mit den unterschiedlichsten Menschen aus Nationen der ganzen Welt hat meine Erfahrung immens bereichert. Es kam oft zu positiven Diskussionen bei der Arbeit, denn fast jedes Land vermittelt eine andere Sicht der Dinge, stellt die Landwirtschaft und die Tierhaltung in der Öffentlichkeit anders dar und verabschiedet laufend neue Gesetze. Und dadurch bildet auch jeder Landsmann seine eigene Meinung sowie Erfahrungswerte, die gerne mit Anderen ausgetauscht werden. Schon auf meinem Betrieb traf ich im Laufe der Monate auf etwa 15 Nationalitäten, die meist ohne landwirtschaftlichen Hintergrund einen ganz unvoreingenommenen Eindruck bekommen konnten. Zusätzlich zu meinen Arbeitskollegen lernte ich noch jede Menge andere junge Leute bei den schon erwähnten Praktikantentreffen kennen. Auffallend war, wie viele Praktikanten aus den skandinavischen Ländern, Deutschland, der Schweiz und Großbritannien in meiner Umgebung angestellt waren.

Die für mich interessanteste Zeit waren meine letzten Arbeitswochen. Es mussten viele Tiere umgetrieben, Ohrmarken kontrolliert und die Gruppen neu sortiert werden. Hinzu kamen dann noch der Umzug sowie das Trockenstellen in den letzten Tagen. Gerade letzteres war super spannend. Die Möglichkeit, einen Einblick darin zu bekommen, wie 1800 Kühe innerhalb von 3 Tagen trockengestellt und gegen Würmer behandelt werden, sowie der anschließenden Dokumentation von Einzeltiererkennungsdaten, werde ich wohl nie wieder bekommen. Zudem bekam ich einen guten Einblick darin, wie die Weidehaltung im Winter funktioniert. Leider kam der Schnee erst einen Tag nach meiner Abreise bis ins Flachland, dieser Anblick wäre bestimmt noch ein schöner Abschluss geworden.

Wenn ich auf mein Praktikum in Neuseeland zurückblicke, muss ich immer wieder feststellen, dass mich diese Zeit stark geprägt hat. Nicht nur arbeitstechnisch wurden mir Dinge geboten, die ich hier in Deutschland nie auch nur ansatzweise hätte erfahren können. Auch meine Persönlichkeit hat sich in dieser Zeit um einiges verändert. Zum ersten Mal musste ich komplett auf eigenen Beinen stehen. Essen kochen, mit anderen, fremden Menschen unterschiedlichen Charakters unter einem Dach leben, ein ganzes Haus sauber halten, einkaufen, Entscheidungen treffen, über Arbeitspläne diskutieren. Diese Liste könnte endlos werden und im ersten Moment mögen sich all diese Dinge für viele vielleicht ganz normal anhören. Nach jahrelanger Unterkunft auf Familienbetrieben und einem familiären Umgang miteinander waren solche Erfahrungen jedoch komplett neu für mich.

Die Entscheidung, mein Gesellenjahr aufzuteilen und in zwei vollkommen verschiedene Länder zu reisen, war goldrichtig. So konnte ich binnen kurzer Zeit unzählig viele Erfahrungen sammeln. Bedanken möchte ich mich hierfür ganz herzlich bei meinen Eltern, die mir die Chance gegeben haben, diesen Traum zu verwirklichen. Jetzt beginnt für mich der vorerst letzte große Schritt, bevor ich in den elterlichen Betrieb einsteige: Die 2-jährige Schulbildung an der Fachschule für Agrarwirtschaft (HöLa).

Zum Abschluss meines zweiten Auslandstagebuchs möchte ich mich an dieser Stelle auch wieder bei Ihnen, den Lesern, bedanken. Durch viele Gespräche in den letzten Wochen habe ich zu meinem Erstaunen feststellen können, dass einige schon seit einem Jahr immer mal wieder in meinem Tagebuch lesen. Ich hoffe, dass Sie einen kleinen Einblick in die Landwirtschaft Kanadas und Neuseelands bekommen konnten und dadurch vielleicht auch mit der Planung Ihrer persönlichen Auslandserfahrung beginnen werden.