Euterentzündungen beim sekundenschnellen Melken erkennen

Euterentzündungen und Lahmheiten erkennen – Wie das auf unseren Betrieben in Deutschland funktioniert ist wohl jedem bewusst: Durch tägliche und routinierte Tierbeobachtung etwaige Verhaltensänderungen und Unwohlsein der Kühe erkennen, im Melkstall genügend Zeit haben, um die Tiere anzurüsten und die Zitzen säubern zu können und bei kleinen Auffälligkeiten werden sofort die notwendigen Maßnahmen eingeleitet … Aber wie funktioniert das auf einem Betrieb, auf dem in einer Herde 600 Kühe gehalten werden, die Kühe zwischen den Melkzeiten nicht beobachtet werden, die Zitzen vor dem Melken nicht gereinigt und 60 Kühe in 4 bzw. 5,5 Minuten an einem vorbei „fahren“?

60 Kühe in 4 Minuten, das heißt also, dass einem am Nachmittag genau 4 Sekunden pro Kuh bleiben. 4 Sekunden, um die Melkmaschine in die linke Hand zu nehmen, mit der rechten Hand die vorderen beiden Melkbecher zu greifen, anzuhängen, anschließend die beiden hinteren Becher anzuhängen und mit dem Körper nach links zu drehen um dann die nächste Maschine in die Hand zu nehmen. Es wird also wortwörtlich in sekundenschnelle gearbeitet. Erst nach wochenlangem Training ist es den neuen Mitarbeitern möglich, die Melkschicht „Cups on“ am Nachmittag zu übernehmen. Um in dieser kurzen Zeit noch herausfinden zu können, ob eine Kuh eine Mastitis bekommen hat, muss man ein Gespür dafür entwickeln, im Bruchteil einer Sekunde während des Becheransetzens die Temperatur jedes Viertels zu überprüfen und eventuelle Schwellungen festzustellen.

Sollte dies der Fall sein, überprüfe ich die Milch auf Veränderungen. Falls ich dann eine Euterentzündung feststelle, stoppe ich die Plattform und markiere die Kuh mit blauem Farbspray. Zum einen ist die Kuh dann sehr einfach von den anderen zu unterscheiden und der Mitarbeiter auf der anderen Seite kann die Kuh problemlos selektieren. Zum anderen weiß derjenige, der die Kuh anschließend behandelt, welches Viertel erkrankt ist. Dafür werden 2 Buchstaben links und rechts neben dem Schwanz aufgesprüht (zum Beispiel BR= Back Right; Hinten Rechts).

Nach dem Melken werden die erkrankten Kühe zum alten Melkkarussell getrieben und dort behandelt. Bevor den Tieren Antibiotikum gespritzt wird, werden diese mit rotem Farbspray markiert. Die rot-markierten Tiere gehören ab dann zur „Penicillin- Gruppe“. Diese Gruppe wird im alten Melkhaus im Anschluss an der normalen Herde und der Gruppe mit den lahmen Kühen gemolken. Bevor die erste Penicillin- Milch in die Leitung gelangt, wird diese mit 50 Liter Wasser leergepumpt, der Plattenkühler ausgeschaltet und der Hebel am Tank geschlossen. Zurzeit, am Ende der Saison, wird die Milch der behandelten Kühe in den Abfluss geschüttet. In der Kalbesaison wird sie in einen separaten Tank geleitet und dort für die Fütterung der Kälber aufbewahrt.

Für die Erkennung von Euterentzündungen sind also alle Mitarbeiter verantwortlich, sowohl beim Anhängen der Melkbecher als auch beim Abnehmen. Um lahme Kühe von der Herde separieren zu können, muss vor allem die „Cups-off“- Person ein Auge auf die Beine und Klauen der Kühe haben. Auch das erfordert einige Wochen Übung. Die wohl wichtigste Aufgabe vor dem Abnehmen der Melkbecher ist, zu kontrollieren, ob das Euter leer ist. Sollte dies nicht der Fall sein, wird eine Kette hinter dem Tier angebracht. Somit kann die Kuh die Plattform nicht verlassen und hat in der nächsten Runde noch einige Minuten mehr Zeit, um komplett ausgemolken zu werden.

Zusätzlich muss man noch ein Auge auf den Ein- und Ausgang des Karussells haben um sowohl der „Cups- on“ Person das Melken so einfach wie möglich zu machen als auch Doppelrundfahrten der Kühe zu vermeiden. Sollte eine Kuh die Plattform nicht verlassen bzw. nicht hineinlaufen, stoppt man die Plattform und versucht, die Kuh in die gewünschte Richtung zu bewegen. Meistens reicht dafür schon ein lauter Ruf oder das Nassspritzen mit Wasser aus (vor allem letzteres ist eine sehr gut angenommene und beliebte Methode 😉 ). Des Weiteren ist diese Person auch noch für die Regelung aller Gitter und Treibeketten zuständig.

Wenn dann neben diesen 3 Hauptaufgaben noch etwas Zeit bleibt und ein Blick auf die Klauen geworfen werden kann, können auffällige Tiere sofort aussortiert werden und nötigenfalls nach dem Melken zu dem alten Karussell getrieben werden.

Wie schon beschrieben, werden neu erkannte Tiere mit blauem Spray markiert und behandelte Tiere mit roter Farbe gekennzeichnet. Sollte die Behandlung beendet sein (zwischen 4 und 8 Tagen nach der letzten Injektion, je nach Arzneimittel), wird das Tier mit ein wenig grünem Farbspray markiert. Das bedeutet: Fertig behandelt, aber noch nicht bereit, zur großen Herde zurückzukehren. Jeden Morgen werden alle Tiere, die eine Euterentzündung hatten und mit einem grünen Punkt markiert sind, vor dem Ansetzen der Melkbecher kontrolliert. Ist die Milch wieder im Normalzustand und es besteht kein Verdacht auf sofortigen Rückfall, kann die Kuh anschließend aussortiert werden. Im Falle einer andauernden Mastitis wird das grüne Spray wieder mit blauem Spray verdeckt, und die behandelnde Person kann entscheiden, ob eine neue Behandlung begonnen werden soll oder eine Behandlung der Kuh zwecklos ist.

Wie man an der spärlichen Berichterstattung in den letzten Wochen erkennen konnte, passiert auf meinem Betrieb zurzeit nicht viel. Obwohl im Herbst vor der Trockenstell-Periode fast nur die Routinearbeit durchgeführt wird, waren die letzten Wochen trotzdem mit viel Stress verbunden. Der Grund dafür war, wie gesagt, nicht die Arbeit selbst, sondern der Mangel an Arbeitskräften und schlechte Kommunikation über Veränderungen im Dienstplan. So kam es für mich fast jeden Tag zu spontanen Änderungen, verkürzten Pausen undverspätetem Feierabend. Vor allem in der Zeit, in der der brasilianische Praktikant Urlaub hatte und eine der neuen Praktikantinnen krankgeschrieben war, standen für mich viele anstrengende Nachmittage an: Da ich nach den Managern und dem Brasilianer die meisten Erfahrungen im Becheransetzen habe, musste ich sehr oft die Schicht „Cups on“ für die 2. Herde übernehmen. Das Problem ist nicht nur, dass diese Herde größer als die erste Herde ist, sondern vor allem, dass ich aufgrund einer Aushilfskraft beim Becherabnehmen auch noch alle Gitter und Ketten regeln musste, um die Kühe passend ins Karussell zu treiben. Das zerrt nicht nur an den Kräften, die nach 600 identischen Bewegungen in dieser kurzen Zeit spürbar nachlassen, sondern auch an der Konzentration, um zum Beispiel die Mastitis-Kühe zu identifizieren.