Abschied von der grünen Insel – Bye, bye Ireland, bis Februar

Nun sind alle wichtigen Arbeiten auf der Farm erledigt, alle Kühe trockengestellt und bis auf die täglichen Arbeiten wie Tierkontrolle, Füttern und Boxenpflege kehrt hier auf dem Betrieb allmählich etwas Ruhe ein. Über den Jahreswechsel wird Tom die freie Zeit besonders nutzen, um betriebswirtschaftliche Aufgaben, wie beispielsweise den Jahresabschluss zu erledigen. Aber auch die Vorbereitung der Abkalbesaison steht auf dem Plan, da es schon ab Februar hier auf dem Betrieb wieder richtig rund geht. Innerhalb kürzester Zeit werden alle Tiere abkalben, um möglichst schnell mit dem Anweiden beginnen zu können. Dies stellt im hiesigen System eine absolute Arbeitsspitze im Produktionsjahr dar und muss mit entsprechenden Arbeitsplänen frühzeitig organisiert werden.

Da mir angeboten worden ist, dass Praktikum zu verlängern und ich sehr daran interessiert bin die Phase der saisonalen Abkalbung – den Schwerpunkt des irisschen Vollweidesystems – mitzuerleben, werde ich bereits Ende Januar auf den Betrieb zurückkehren. Ich freue mich schon riesig auf die nächsten drei Monate und kann es kaum abwarten in den Flieger zu steigen und alle wieder zu sehen.

Ich habe mich in meiner Familie von Anfang sehr wohl gefühlt und habe sie richtig in mein Herz geschlossen. Gleich am ersten Tag wurde ich herzlich willkommen geheißen und fortan wie ein weiteres Familienmitglied behandelt. Meine anfänglichen Zweifel, ob meine Englischkenntnisse ausreichend sind, das Familienleben klappt und ob alles glatt laufen wird, habe ich direkt am ersten Tag über Bord geschmissen. Die Scheu Englisch zu sprechen, weil ich eventuell Fehler machen könnte, habe ich bereits im Urlaub vor dem Praktikum abgebaut, da ich oft positives Feedback erhalten habe. Auf der Farm angekommen, habe ich mich gleich am ersten Abend stundenlang mit meiner Familie in der Küche unterhalten. Sie brachten mir großes Interesse entgegen und ich fühlte mich sofort zuhause.

Durch den Urlaub im Vorfeld war ich zum Glück schon an den irischen Akzent gewöhnt. Dennoch fiel es mir die ersten Wochen etwas schwer, den speziellen Cork-Akzent richtig zu verstehen. Besonders wenn die Kinder am Küchentisch sehr schnell ihre Geschichten aus der Schule erzählten, musste ich mich anfangs stark konzentrieren um alles mitzubekommen. Aber auch das legte sich nach wenigen Wochen und ich fand mehr Selbstvertrauen, konnte meine Fehler korrigieren und meinen Wortschatz immens erweitern. Verglichen mit dem Status, an dem ich abgeflogen bin, würde ich jetzt schätzen, dass sich mein Wortschatz um das Vierfache erweitert hat. Die Kombination aus Gesprächen, Lesen, Radio hören, Fernsehn schauen und natürlich auch Selbststudium ist meiner Meinung nach mein Schlüssel zum Erfolg gewesen.

Leider wird man nicht immer direkt korrigiert wenn man einen Fehler gemacht hat und muss dies immer hartnäckig einfordern. Aber auch durchs Zuhören korrigiert man seine eigenen Fehler und verwendet dann beim nächsten Mal eine andere Formulierung. Besonders lustig fand ich, dass man nach ca. drei Monaten beginnt auf Englisch zu träumen. Das war neu für mich und ein echtes Highlight.

Die Iren sind wirklich ausgesprochen freundlich und hilfsbereit. Wenn man beispielsweise mit einem Stadtplan an der Straßenecke steht, wird man meistens direkt angesprochen und gefragt, ob man Hilfe braucht. Einmal habe ich in Cork ein spezielles Geschäft gesucht und eine ältere Dame nach dem Weg gefragt, aber statt mir groß den Weg zu erklären, begleitete sie mich gleich zum Geschäft und gab mir noch wertvolle Tipps, wo man gerade in der Stadt gute Schnäppchen machen kann. Generell dauert es eigentlich nie lange bis man mit jemandem ins Gespräch kommt, besonders im Pub, was quasi das verlängerte Wohnzimmer der Iren ist. Dort wird man meist direkt angesprochen und in ein Gespräch verwickelt, gerade wenn man nicht irischer Herkunft ist.

Erstaunlich war für mich, dass sich dann fast immer die gleichen Themen in den Gesprächen ergeben. Zum Beispiel warum es mich denn ausgerechnet nach Irland zum Praktikum verschlagen hat, ob es mir hier gefällt, ob ich als Deutsche denn keine Problem mit dem Regen hätte und ob ich das Land nicht als zu klein empfinden würde, immerhin sei Deutschland doch so riesengroß. Es ist schon lustig, was viele Iren so für Vorstellungen über Deutschland haben. Natürlich werden zunächst immer unsere Autos gelobt, welche bei der Bevölkerung sehr beliebt sind, aber auch unsere Maschinenindustrie, verarbeitende Industrie, Infrastruktur (wie bspw. die Autobahn) oder Technik aller Art (besonders bekannt: die gängigen Haushaltsgeräte). Wir scheinen „im Ausland“ wohl als große Industrienation einen enorm hohen Stellenwert zu haben, was mir persönlich so nie bewusst war. Besonders deutlich zeigt sich dies auch an der Präsenz deutscher Landtechnik, was mir schon zu Beginn des Praktikums auf der Landwirtschaftsmesse aufgefallen ist. Von den namhaften Treckermarken, über Erntemaschinen bis hin zu allerlei Anbaugeräten, findet man eigentlich auf jedem irischen Betrieb „ein Stück Deutschland“.

Aber auch über unsere Politik, Geschichte und Kultur sind die Iren bestens informiert. So wurde ich in der Vorweihnachtszeit immer auf die deutschen Weihnachtsmärkte angesprochen und unsere romantische Adventszeit. Aber auch zu den kulturellen Altstädten, den großen Klassik-Komponisten, oder den berühmten Urlaubsregionen wurde ich oft befragt. Da Irland von der Wirtschaftskrise damals schwer getroffen wurde, ist auch heute noch die Europa- und Finanzpolitik täglich ein Thema.

Den größten Unterschied zwischen den Kulturen musste ich jedoch in der Zeit- und Terminplanung feststellen. Während wir Deutschen immer pünktlich zu vereinbarten Terminen erscheinen, wartet man auf einen Iren schon mal vergebens zwanzig Minuten. Häufig werden Termine auch zwei- bis dreimal verschoben, bis sie überhaupt zustande kommen. Und die Floskel: „ich bin in 5 Min. zurück“ kann durchaus 45 Min. bezeichnen. Generell gehen die Iren alles etwas ruhiger an, aber erreichen dennoch Ihre Ziele.

Einen sehr hohen Stellenwert hat in Irland das Familienleben. So wird sich bei Mahlzeiten immer lange und gerne unterhalten und anschließend noch bei einer Tasse zusammen gesessen. Die Qualität des Lebensstils empfand ich in Irland besonders hoch. Während wir Deutschen häufig ein sehr hektisches Leben führen und von einem Termin zum Nächsten jagen, hat Zeitplanung bei den Iren eine völlig andere Bedeutung.

Meine Erwartungen an das Auslandspraktikum in Irland wurden nicht nur erfüllt, sondern bei weitem übertroffen. Besonders auf fachlicher Seite habe ich gelernt, dass das Vollweidesystem, was zunächst sehr einfach erscheint, einen hohen Managementaufwand mit sich bringt und absolut wetterabhängig ist: Grasaufwuchs messen, Weidepläne erstellen, Wetter täglich beobachten, Paddocks einteilen, Energiebedarf abschätzen, Tiere umtreiben sind nur einige Herausforderungen dieses Systems. Und nicht zuletzt natürlich die Arbeitsspitze während der saisonalen Abkalbung, welche ich ab Februar miterleben werde.
Ich betrachte Weidehaltung nun aus einem völlig anderen Blickwinkel und würde diese immer der Stallhaltung vorziehen. Auf der Weide können sich die Kühe frei bewegen oder ablegen, ihre natürlichen Verhaltensmuster ausleben und selbständig ihr Futter suchen. Die Kühe sind gelassener, zufriedener und robuster. Des Weiteren beeinflusst die Weide positiv die Gesundheit, Fruchtbarkeit und Vitalität der Tiere.

Die ständige Arbeit im Grünen, die zufriedenen Kühe auf der Wiese, die angenehme Atmosphäre auf der Farm, die große Gastfreundlichkeit der Iren, sowie die Reisen an meinen Urlaubstagen, lassen mich auf vier wunderschöne Monate zurückblicken, in denen ich mich beruflich wie persönlich enorm weiterentwickelt habe. Es ist schwer, das alles in einem Text zusammenzufassen und so kann ich es nur jedem empfehlen, diese Erfahrung selber zu machen und neue Eindrücke in einem anderen Land zu erleben!

Ich freue mich schon riesig bald wieder in Irland zu sein und meinen Erfahrungsschatz um drei weitere, spannende Monate erweitern zu können. Es ist eine interessante Erfahrung, dass man das Wort „Zuhause“ nicht mehr abhängig vom Ort definiert. Ich werde ab sofort wohl immer ein zweites Zuhause in Irland haben!