100 Kühe im Vollweidesystem – ohne Stall, ohne Technik, ohne Zufütterung

Die ersten Arbeitstage waren sehr informativ und vergingen wie im Fluge. Ich konnte mir bereits einen ersten Eindruck von den hiesigen typischen Produktionsverhältnissen verschaffen. Die Milcherzeugung in Irland basiert im Gegensatz zu Deutschland überwiegend auf Grünlandnutzung mit saisonaler Abkalbung im Frühjahr. Auf Grund des milden Klimas ist die Vegetationsperiode besonders lang, so dass die Milchkühe von Februar bis November ausschließlich auf den Weiden gehalten werden. So auch auf meiner Farm.

Die irischen Milchbauern orientieren sich an dem neuseeländischen Low-Cost-Produktionssystem: Ziel ist es, mit minimalem Input den maximalen Ertrag zu erreichen, was konkret bedeutet, dass die Milch ausschließlich aus der Weide produziert wird. Die vorhandenen Graslandressourcen werden voll ausgeschöpft damit keine zusätzlichen Futterkosten entstehen. Die Produktionskosten werden so niedrig wie möglich gehalten und so wird auf kostspielige Technik bewusst verzichtet. Die Betriebe verfügen in der Regel über wenige Gebäude und Maschinen, da der Stall nur zwei Monate im Jahr genutzt wird und die komplette Außenwirtschaft meist von Lohnunternehmen durchgeführt wird. So ist auch die Gebäude- und Maschinenausstattung meiner Farm recht überschaubar: Ein großer Liegeboxenlaufstall mit vorgelagertem Flachsilo, ein Melkhaus, ein Kälberstall und zwei Scheunen, sowie einen Traktor, einen Baggerlader, diverse Arbeitsmaschinen und ein Quad.

Der Viehbestand umfasst derzeit 100 Milchkühe der Rasse Holstein-Friesian, sowie 40 Färsen aus dem Vorjahr und 41 Kälber aus dem diesjährigen Jahr. Die Milchkühe weiden im rotierenden System auf den 30 Gras-Paddocks, welche über einen zentralen Treibweg miteinander verbunden. Zweimal täglich werden Sie mit dem Quad zum Melken geholt. Nachdem ich eine Einweisung ins Quad fahren erhalten habe, war es fortan meine Aufgabe die Kühe zum Melkhaus zu treiben. Das Quad fahren macht wirklich Spaß und ich möchte gar nicht wissen, wie wir diesen Arbeitsschritt ohne das Quad bewältigen sollten. Immerhin braucht man von den weit entfernten Paddocks bis zum Melkhaus eine Stunde mit der Herde. Und da die Farm auf einem Hügel liegt, muss man die Kühe auch noch stets bergauf treiben.

Der Vorwartebereich des Melkhauses grenzt an den Liegeboxenlaufstall, so dass das Melkhaus von Stall und Weide zu erreichen ist. Bei dem Melkstand handelt es sich um einen 2x9er Swing-Over-Melkstand, an den der Technikraum und die Milchküche anschließt. Vom Melkhaus aus hat man einen guten Blick über das Weideland und kann beobachten, ob die Tiere in den richtigen Paddock zurückgehen. Welcher Paddock wann und wie lange beweidet wird, hängt vom Grasaufwuchs ab, welcher wöchentlich auf allen Paddocks gemessen wird. Wie das alles genau funktioniert und berechnet wird lerne ich in den nächsten Wochen und werde laut Tom danach zum Grünlandprofi – ich bin mal gespannt!

Da es ein sehr gutes Weidejahr war und der Grasaufwuchs über den Projektionen liegt, erhalten die Kühe derzeit kein Kraftfutter. Dennoch geben sie im Schnitt ca. 23 kg Milch pro Kuh und Tag was für September eine gute Leistung im hiesigen System ist. Alle Kühe stammen vom Betrieb und sind im Weidesystem aufgezogen worden. So auch die diesjährigen Färsen und Kälber, welche auf separaten Paddocks der Farm gehalten werden.

Jeden Tag wird bei einem Kontrollgang untersucht ob alle Gruppen vollständig sind, die Tiere gesund sind, Tränke und Zäune intakt sind und ob genug Gras im Paddock vorhanden ist. Nachdem ich dies anfangs gemeinsam mit Tom erledigte, wurde mir diese Aufgabe nach ein par Tagen komplett übertragen. Die Jungtiere als auch die Milchkühe sind sehr ruhig und menschenbezogen. Besonders die Kälber zeigen großes Interesse, wenn man zu ihnen auf die Weide kommt. Verständlich also, dass dies meine Lieblingsaufgabe in nächster Zeit sein wird. Tom sagt, dass die Kälber auch bald wieder entwurmt werden müssen. Mal sehen ob sie danach immer noch so zutraulich sind. Abwarten …